Viele Kanzleien. Ein starkes Netzwerk.
Aktuelles
Neues aus Markt und Netzwerk
 

(Kein) Schadensersatz wegen Musiknutzung auf Social-Media

Die Betreiberin einer Abnehm- und Ernährungsapp verwendete in ihrem Social-Media-Auftritt auf ihrem TikTok-Account in einem 14-sekündigen Video die Tonspur eines Musikwerks, an dem die Klägerin seit November 2024 die ausschließlichen Nutzungsrechte erworben hat.

Das betroffene Video war jedenfalls vom 28.05.2024 bis Juni 2025 öffentlich abrufbar. Die Klägerin mahnte die Betreiberin der Abnehm- und Ernährungsapp hieraufhin ab und forderte diese zur Zahlung in Höhe von 95.750,00 € auf.

Die Klägerin argumentierte, dass zur Berechnung der Lizenzen zwar die Bekanntheit des Musikwerks, die Reichweite der Plattform und die Dauer der Nutzung heranzuziehen seien, nicht jedoch Faktoren wie Aufrufzahl, Followerzahl oder Medienbudget. Der geforderte Schadensersatz gehe bei 383 Nutzungstagen von einer Vergütung von 250,00 € pro Nutzungstag aus. Die Klägerin ging selbst davon aus, dass es für die Vergabe von Synchronisationsrechten im Bereich von Social-Media-Nutzungen weder eine branchenübliche oder standardisierte Lizenzpraxis noch eine einheitliche, am Markt durchgesetzte Vergütungspraxis gebe.

Die Betreiberin der Abnehm- und Ernährungsapp verteidigte sich im Wesentlichen damit, dass es vielmehr der üblichen Praxis entspräche, ein einmaliges Pauschalhonorar statt einer täglichen Vergütung zu vereinbaren.

Zunächst stellte das Gericht fest, dass die Nutzung des Musikwerks in einem TikTok-Video eine Urheberrechtsverletzung darstellt. Das bedeutet, dass die Klägerin grundsätzlich einen Anspruch auf Zahlung eines Schadensersatzes im Wege der Lizenzanalogie hätte. Die Höhe des Schadensersatzes kann das Gericht gemäß § 287 ZPO schätzen. Um die Höhe des Schadensersatzes bemessen zu können, benötigt das Gericht eine belastbare Berechnungsgrundlage. Maßstab ist in solchen Fällen, was vernünftige Vertragspartner als Vergütung für die konkrete Nutzung vereinbart hätten. Maßgeblich sind dabei der objektive Wert der Benutzungsberechtigung, Umfang und Art der Nutzung sowie ggf. eine bestehende Lizenzpraxis oder branchenübliche Sätze. Diesen Anforderungen an die Berechnungsgrundlage kam die Klägerin jedoch nicht ausreichend nach, da sie weder Lizenzverträge oder Lizenzsätze von anderen Rechteinhabern vorlegte. Sie berief sich auch nicht auf die Erfahrungsregeln des Deutschen Musikverleger-Verbands (DMV).

Insgesamt bedeutet dies:

Rechteinhaber können den lizenzanalogen Schadensersatz nicht aufgrund fehlender Vergleichswerte frei bestimmen und sich auf eine hypothetische „individuelle Preisaushandlung“ berufen.

Die Anwendbarkeit der Erfahrungsregeln des Deutschen Musikverleger-Verbands (DMV) wurde in diesem Verfahren nicht geklärt, da die Klägerin selbst zur Anwendbarkeit nicht ausreichend vorgetragen hat.

Die Vereinbarung einer täglichen, linearen Vergütung stellt keine übliche Lizenzpraxis dar.

Die Reichweite und Aufrufzahlen können durchaus die Höhe des Lizenzschadensersatzes beeinflussen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig (Stand 30.09.2026)

Diesen Beitrag teilen

Alle Fachbeiträge zeigen

Verbraucherrecht
19.10.2026

Online-Kündigung: Fitnesskette darf Kündigungsseite nicht für Alternativangebote nutzen

Wer einen Vertrag online kündigen möchte, soll dies möglichst einfach tun können. Unternehmen dürfen den Kündigungsvorgang deshalb nicht durch zusätzliche Angebote erschweren. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass die Fitnesskette FitX auf der Bestätigungsseite für eine Online-Kündigung keine Werbung für eine Vertragspause anzeigen darf (Urteil vom 16.07.2026, Az. I ZR 200/25).

Beitrag lesen
Miet- und Immobilienrecht
19.10.2026

Nebenkosten nicht abgerechnet: Kann der Mieter die Rückzahlung sämtlicher Vorauszahlungen verlangen?

Vermieter müssen über Betriebskostenvorauszahlungen grundsätzlich jährlich abrechnen. Bleibt die Abrechnung aus, können Mieter 12 Monate nach Ende des Abrechnungszeitraums unter bestimmten Voraussetzungen die geleisteten Vorauszahlungen zurückfordern. Das Amtsgericht Hamburg hat nun jedoch klargestellt, dass dieser Anspruch durch nachgereichte Abrechnungen noch während eines laufenden Gerichtsverfahrens entfallen kann (Urteil vom 11.02.2026, Az. 9 C 216/25).

Beitrag lesen
Verkehrsrecht, Versicherungsrecht
16.10.2026

Unfallschaden: Wann sind Anwaltskosten nach einem Verkehrsunfall erstattungsfähig?

Muss eine Versicherung die vollständigen Anwaltskosten erstatten, obwohl sie bereits kurz nach dem Unfall eine Haftungszusage erteilt hatte? Oder handelte es sich um einen so einfachen Fall, dass die Geschädigte den Schaden auch selbst hätte geltend machen können?

Beitrag lesen