Viele Kanzleien. Ein starkes Netzwerk.
Aktuelles
Neues aus Markt und Netzwerk
 

Bauherr als Handwerker: Architekt bleibt in der Verantwortung

Wer beim Bau des eigenen Hauses selbst mit anpackt, spart häufig Kosten. Rechtlich kann dies jedoch erhebliche Folgen haben – nicht nur für den Bauherrn, sondern auch für den beauftragten Architekten. Das Oberlandesgericht Schleswig hatte nun zu entscheiden, ob sich die Überwachungs- und Planungspflichten des Architekten verringern, wenn der Bauherr einzelne Arbeiten eigenhändig ausführt. Die Antwort fiel eindeutig aus: Auch Eigenleistungen eines bautechnischen Laien entbinden den Architekten nicht von seinen vertraglichen Pflichten.

Der Fall

Ein Bauherr beauftragte einen Architekten mit der Planung und Bauüberwachung seines Einfamilienhauses. Die Dachdeckerarbeiten wollte er jedoch selbst übernehmen, obwohl er über keine fachliche Ausbildung oder besondere Erfahrung verfügte.

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Das Dach war mangelhaft abgedichtet, Wind und Feuchtigkeit konnten eindringen. Die erforderliche Sanierung verursachte erhebliche Kosten.

Der Bauherr verlangte deshalb Schadensersatz vom Architekten. Dieser hätte ihn auch bei den in Eigenleistung ausgeführten Arbeiten detailliert anleiten, die Ausführung planen und kontrollieren müssen.

Vor dem Landgericht hatte die Klage nur teilweise Erfolg. Zwar bejahte das Gericht eine Pflichtverletzung des Architekten, kürzte den Schadensersatz jedoch wegen eines Mitverschuldens des Bauherrn um 40 Prozent. Gegen diese Kürzung legte der Bauherr Berufung ein.

Die Entscheidung

Das Oberlandesgericht Schleswig bestätigte die Entscheidung des Landgerichts.

Nach Auffassung des Gerichts blieb der Architekt trotz der Eigenleistungen des Bauherrn uneingeschränkt für Planung und Bauüberwachung verantwortlich. Sein vertraglicher Auftrag ändere sich nicht dadurch, dass einzelne Arbeiten nicht von einem Fachunternehmen, sondern vom Bauherrn selbst ausgeführt würden.

Gerade wenn ein bautechnischer Laie tätig werde, müsse der Architekt seine Planungs- und Überwachungspflichten besonders sorgfältig erfüllen. Er habe die Arbeiten so zu begleiten, als würden sie von einem externen Handwerksbetrieb ausgeführt. Dazu gehörten insbesondere eine ausreichende Detailplanung, fachliche Anleitung sowie eine sorgfältige Kontrolle der Ausführung.

Dies gelte vor allem für technisch anspruchsvolle Gewerke wie Dachabdichtungsarbeiten. Diese setzten besondere Fachkenntnisse voraus und seien besonders schadensanfällig. Der Architekt habe den Bauherrn daher nicht ohne Anleitung und Kontrolle arbeiten lassen dürfen. Dass er den Bauherrn schlicht habe „wursteln“ lassen, stelle eine schuldhafte Pflichtverletzung dar.

Mitverschulden des Bauherrn

Trotz der Pflichtverletzung des Architekten blieb es bei einer Kürzung des Schadensersatzes um 40 Prozent.

Das Oberlandesgericht sah den Bauherrn als erheblich mitverantwortlich für den entstandenen Schaden. Als technischer Laie habe er erkennen müssen, dass Dachabdichtungsarbeiten besondere Fachkenntnisse erforderten und mit erheblichen Risiken verbunden seien.

Dennoch habe er weder detaillierte Ausführungspläne verlangt noch den Architekten um Anweisungen oder eine Kontrolle seiner Arbeiten gebeten. Hinzu komme, dass seine Ausführung gravierende handwerkliche Mängel aufgewiesen habe.

Unter diesen Umständen sei die vom Landgericht vorgenommene Anspruchskürzung wegen Mitverschuldens angemessen.

Bedeutung für die Praxis

Die Entscheidung verdeutlicht, dass Architekten ihre Planungs- und Überwachungspflichten nicht dadurch verlieren, dass Bauherren Eigenleistungen erbringen. Im Gegenteil: Ist der Bauherr erkennbar fachlich unerfahren, können sich die Anforderungen an Beratung und Bauüberwachung sogar erhöhen.

Für Bauherren bedeutet das Urteil allerdings nicht, dass sie sich bei Eigenleistungen auf die Verantwortung des Architekten verlassen dürfen. Wer ohne ausreichende Fachkenntnisse anspruchsvolle Arbeiten übernimmt und dabei keine Unterstützung oder Kontrolle einfordert, muss sich ein erhebliches Mitverschulden an späteren Baumängeln anrechnen lassen.

Fazit

Eigenleistungen eines Bauherrn ändern nichts an den vertraglichen Pflichten eines mit Planung und Bauüberwachung beauftragten Architekten. Auch wenn der Bauherr selbst arbeitet, muss der Architekt die Ausführung fachgerecht planen, anleiten und kontrollieren – insbesondere bei technisch anspruchsvollen Arbeiten. Übernimmt der Bauherr als Laie dennoch komplexe Tätigkeiten, ohne sich die erforderliche Unterstützung zu verschaffen, kann sein Schadensersatzanspruch wegen Mitverschuldens jedoch erheblich gekürzt werden.

Quelle: Beschluss des Oberlandesgerichts Schleswig vom 05.01.2026 – 12 U 2/25

Beitrag veröffentlicht am
24. Juli 2026

Diesen Beitrag teilen

Alle Fachbeiträge zeigen

Auto-Unfall-Verkehr
Schadensersatzrecht, Verkehrsrecht, Verkehrsunfallrecht
24.07.2026

Verkehrsunfall: Auch für einen kleineren Ersatzwagen ist der günstigste Tarif maßgeblich

Wer unverschuldet in einen Verkehrsunfall verwickelt wird, hat grundsätzlich Anspruch darauf, für die Dauer der Reparatur einen gleichwertigen Mietwagen zu nutzen. Doch was gilt, wenn sich der Geschädigte freiwillig mit einem kleineren Ersatzfahrzeug begnügt? Kann er dann argumentieren, die höheren Mietkosten seien dennoch zu ersetzen, weil ein gleichwertiges Fahrzeug kaum günstiger gewesen wäre? Mit dieser Frage hatte sich der Bundesgerichtshof zu befassen. Er stellte klar: Maßgeblich sind allein die erforderlichen Kosten des tatsächlich angemieteten Fahrzeugs. Auch bei einem klassenniedrigeren Ersatzwagen bleibt der Geschädigte verpflichtet, den wirtschaftlichsten Tarif zu wählen.

Beitrag lesen
ring ehe familie
Familienrecht
24.07.2026

Wie oft darf der Ehename wechseln?

Mit der Reform des deutschen Namensrechts zum 1. Mai 2025 wollte der Gesetzgeber Ehepaaren mehr Freiheit bei der Wahl ihres Familiennamens verschaffen. Doch wie weit reicht diese neue Gestaltungsfreiheit? Darf ein Ehepaar nach dem Widerruf seines bisherigen Ehenamens anschließend noch einmal einen gemeinsamen Ehenamen bestimmen – und dabei sogar einen anderen als ursprünglich wählen? Diese bislang umstrittene Frage hat das Kammergericht Berlin nun zugunsten der Ehegatten beantwortet und sich damit bewusst gegen Entscheidungen anderer Oberlandesgerichte gestellt.

Beitrag lesen
IT-Recht, Arbeitsrecht, Compliance
17.07.2026

KI-Technologie im Personalwesen (HR)

Dieser Beitrag befasst sich mit den Anforderungen an KI-Systeme, die im Personalwesen eingesetzt werden, sowie mit den Verpflichtungen für Anbieter und Nutzer, die solche Systeme gemäß der EU-Verordnung über künstliche Intelligenz (KI-Verordnung) beantragen. Die KI-Verordnung verfolgt einen risikobasierten Ansatz, bei dem fünf Risikokategorien definiert werden und gleichzeitig zwischen KI-Systemen und KI-Modellen unterschieden wird. Aufgrund dieses Ansatzes bezieht sich die Einstufung des Risikos von KI-Systemen in erster Linie auf deren (möglichen) Zweck und/oder Wirkung.

Beitrag lesen